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Heimatgeschichte Etting - Etting im Wandel eines Jahrhunderts

Die Aufgabenstellung an Bürgermeister, Gemeinderat und Ettinger Bürger hat sich in den vergangenen 100 Jahren nachhaltig verändert. Wie die Darstellung der verschiedenen kommunalen Kassen im Gründungsjahr der Feuerwehr (= 1894) unterstreicht, stand damals die bäuerliche Wirtschaftsgemeinde im Vordergrund der Arbeit, Gemeindedienste wie der des Hirten oder Flurwächters sind eng damit verflochten. Intensiv waren auch die Beziehungen zur Kirchengemeinde. Heute ist die Daseinsvorsorge, die örtliche Infrastruktur, in den Vordergrund der gemeindlichen Aufgabenstellung gerückt. Straßenbau, Wasserversorgung und Entwässerung, Schule, Kindergarten, Feuerwehr, Baulanderschließung sowie Sport-, Kultur- und Vereinsförderung bilden heute den Schwerpunkt der Arbeit in den Kommunalparlamenten. Die wesentlichen Projekte der Ortschaft Etting in diesen 100 Jahren sollen nachfolgend aufgezeichnet werden.

 

Pfarrer Karl Elser hatte noch vor der Wende zum 20. Jahrhundert in Haselbach den Anstoss zur Kultivierung des Wiesentales gegeben und den ersten Raiffeisenverein der Umgebung gegründet. Nach diesem Vorbild wurde 1903 der Raiffeisenverein und bald darauf die Entwässerungsgenossenschaft Ettinger Moos gegründet. Vorstand beider Institutionen war anfangs Jakob Würfl (Hanselbauer). Von 1903 bis 1910 wurde ein Vorflutgraben und Kanal zur Verbesserung der Wiesenkultur in der Ettinger Flur ausgebaut und schon vor dem 1.Weltkrieg war der Großteil der Ettinger Wiesen drainiert. Der Raiffeisenverein wurde bald auf Wengen, Eschling und Kunding ausgedehnt; Kunding wurde jedoch 1913 an den jetzt erst gegründeten Gempfinger Verein abgegeben. Zwischen den Weltkriegen fusionierten die beiden ältesten Raiffeisenvereine der Gegend, Haselbach und Etting-Wengen. Der Vorstand war zwar damals aus Wengen, Etting erheilt jedoch eine Zahlstelle, die noch heute besteht.

 

Sehr rasch nach dem 1.Weltkrieg ging die gemeindliche Tätigkeit weiter. Am 15. Dezember 1918 wurde beschlossen, dass Kriegsteilnehmer für den Fall des Bürgerrechtserwerbs (damals zu beantragen und kostenpflichtig) in den nächsten fünf Jahren keine Gebühr zu bezahlen brauchten. Außerdem wurde die Anschaffung der Ehrentafel für die Gefallenen (in der Kirche) genehmigt. 1919 wurde die Stromversorgung aufgebaut. 1920 liest man im Protokollbuch erstmals von Teuerungszuschlägen. Der Friedhof wurde 1924 fertiggestellt, zum 1. Januar 1928 erhielt Etting ein eigenes Standesamt (vorher bei Gempfing).

 

Gleich nach seinem Amtsantritt 1924 begann Bürgermeister Gregor Würfl mit den Verhandlungen für die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse. Der Mangel an brauchbarem Kies- und Schottermaterial und die für die Gemeindekasse astronomischen Kosten von 234 000 Mark (unentgeltlich erstelltes Projekt des Kulturbauamtes Donauwörth von 1929) waren fast unüberwindliche Probleme. Bei 400 % Hebesatz für die Grundsteuer und der Einführung eines Bierpfennigs waren gerade 4000 Mark Gemeindesteuern pro Jahr zu erwarten. Durch einen Glücksfall wurde die alte Linienführung überflüssig. Der Wirtstadel, den Austrägler Jakob Stegmeier zurück behalten hatte, konnte für 3400 Mark erworben werden (das verkaufte Abbruchmaterial deckte fast den Kaufpreis), so dass der heutige Zugang in die Ortschaft von Norden her möglich wurde. Am Dienstag, 17. Dezember 1929, begann der Straßenbau;n ach der Hofgröße leisteten die Ettinger in großem Umfang Hand- und Spanndienste. Aufgrund des günstigen Winters konnte bis zum Erntebeginn 1930 der erste Straßenkilometer in Richtung Gempfing benutzt werden, was den Ansporn zur Fortführung des Projektes gab. Rund 54 000 Kubikmeter Erde mussten in dem hügeligem Gelände bewegt werden. Möglich war dies bei durchschnittlich 20 bis 25 Arbeitern nur dadurch, dass sich die eingesetzten zehn Muldenkipper auf den 800 Metern Rollgleis in geladenem Zustand stets bergab (zur Aufschüttung der Dämme ) bewegten; auf dem Rückweg wurden sie zusammengekoppelt und von Pferden gezogen. Die Geldmittel konnten durch die Eigenleistung auf die Heranschaffung der Rolliersteine (1 Kubikmeter pro Straßenmeter mußte von nördlich der Donau antransportiert werden) und des Schottermaterials (0,8 Kubikmeter je Straßenmeter ) konzentriert werden. Etting war auch in der Gemeindeflur Gempfing verantwortlich für die Durchführung der Straße, die Nachbargemeinde zeigte sich entgegenkommend und so wurde dieses Teilstück mit doppelter personeller Besetzung – bei flacher werdendem Gelände – sehr rasch durchgeführt. Wegen der Abfuhr aus dem nahen Esterholz beteiligte sich auch der Staat an den Kosten, Ende 1932 war Etting mit einer neuen Straße an Gempfing und Rain angebunden.

 

Bis Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde zur Umgehung des Kühberges am Esterholz noch ein Straßenkilometer Richtung Haselbach, außerdem ein Kilometer Feldweg westlich bis zur Gemeindeflur Wächtering ausgebaut. Hier halfen in der Umgebung stationierte Pioniereinheiten mit ihren 3-Tonnen-Lastwägen bei der Anfuhr aus der gemeindeeigenen Kiesgrube bei Rain; durch die Gemeinde waren lediglich die Kraftstoffkosten zu bezahlen. Diese unermüdliche Sorge um den Straßenbau und die ungeteilte Zustimmung in der Ortschaft und den zuständigen Ämtern waren ausschlaggebend dafür, dass Gregor Würfl trotz fehlender Mitgliedschaft in der NSDAP ununterbrochen Bürgermeister bleiben konnte.

 

In den letzten Monaten vor Kriegsbeginn hatte, verbunden mit der dringend notwendigen Instandsetzung, die Erweiterung der Kirche nach Westen begonnen. Möglich war dies erst durch die Grundabtretung des damaligen Hauserbauern und die bereits beim Staßenbau errichtete Stützmauer für dessen Anwesen. Zu Beginn der Bauarbeiten konnte durch den Vorausblick des Architekten Kirchmeier aus Augsburg beim Einsturz des Westgiebels der Kirche ein Unfall verhindert werden. Am Tag vor dem Annafest 1939 war für die Erweiterung bereits Hebauffeier. Trotz des fünf Wochen später begonnenen Krieges konnte die Maßnahme weiter geführt werden. Wesentliche Arbeiten waren die Fertigstellung des Anbaues, die Verstärkung der Turmgiebel in der Innenseite, die Erneuerung des Turmdaches, die Erneuerung des Bodenbelages, neue Bestuhlung und Innenrenovierung. Hier waren die Zimmerei Paul Koller und das Baugeschäft Josef Paula, beide aus Rain, die größeren Auftragsnehmer. Die Fertigstellung des Innen- und Außenputzes und verschiedene bauliche Ergänzungen besorgte der Ettinger Maurermeister Josef Lenz. Etting erhielt damals die erste Kirchenheizung im weiten Umkreis.

 

Der erste schriftlich niedergelegte Beschluss des Gemeinderates nach dem 2. Weltkrieg galt erneut der Sorge um die Kirche: 700 Reichsmark wurden am 18. Juni 1946 aus der Gemeindekasse für Reparaturen bewilligt. Im Dezember 1954 wurde Josef Wünsch zum 80. Geburtstag und zum 50-jährigen Jubiläum als Gemeindediener von Landrat und Bürgermeister mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet.

 

Der Straßenbau erforderte eine Zurückstellung der Verbesserung im schulischen Bereich. Im Benifiziatenhaus von 1786, 1822 bis 1825 erweitert, war der Schulsaal integriert. Zuerst der Weltkrieg, dann der Straßenbau der 1930-er Jahre, verhinderten das Projekt. Als die Schullstelle gefährdet war, handelten die Ettinger und errichteten nach mehrheitlicher Zustimmung der Bürgerversammlung vom 18. November 1951 mit viel Eigenleistung zuerst 1952 das Schulhaus und ab November 1953 das Lehrerwohnhaus. Das alte Benifiziatenhaus war unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg voller Leben: neben dem Schulsaal wohnten hier Lehrerin Weigl sowie drei Flüchtlingsfamilien. Rund 165 Jahre lernten die Ettinger Kinder im Benifizatenhaus, das neue Schulhaus aber durfte nur 18 Jahre seinem eigentlichen Zweck dienen. Die einklassige Volksschule wurde im Sommer 1970 geschlossen. Einstimmig entschied sich der Gemeinderat für einen Anschluss an Rain, am 23. Februar 1969 stellt die Gemeinde den Antrag, "dass die Oberklasse dem Schulverband Rain angegliedert wird, da die Gemeinde Etting in wirtschaftlicher und auch sonst in jeder Beziehung viel mehr mit der Stadt Rain verbunden ist als mit der Marktgemeinde Burgheim. Weiter stellt die Gemeinde den Antrag an die Regierung, dass die Unterklasse der Stammschule in Gempfing angegliedert werden soll." Die Regierung hatte Etting für Burgheim eingeplant, der Wille der Gemeindeväter wurde im ersten Teil akzeptiert; da die Gempfinger Schule das gleiche Schicksal erteilte, kamen auch die unteren Klassen nach Rain.

 

Wie schon in den 1930-er Jahren, so hielt die Gemeinde auch nach dem 2. Weltkrieg zusammen, als es galt, die Infrastruktur weiter auszubauen. Die Verbindung von Gempfing über Etting nach Haselbach wurde mit Kreistagsbeschluss vom 2. März 1953 vom Landkreis Neuburg a.d. Donau übernommen. Die Gemeinde stellte entsprechend der Auflage bis 1963 die Ortsdurchfahrt mit Oberflächenentwässerung und das noch fehlende 1,5 Kilometer lange Teilstück in Richtung Haselbach her. 1964 wurde mit der Höchstförderung von 85 % die Gemeindeverbindungsstraße in Richtung Wengen hergestellt. Die zentrale Wasserversorgung, ebenfalls schon in jener Zeit projektiert, kam erst 1979/80 zur Ausführung. In der Zwischenzeit waren alle Innerortsstraßen sowie die Gemeindeverbindungsstraßen nach Wächtering und Brunnen geteert worden. Ein Teilstück von Brunnen Richtung Nördling wurde erst unter der Regie der Stadt Rain staubfrei gemacht.

 

Etting gab zum 31. Dezember 1974 freiwillig seine kommunale Selbständigkeit auf und wurde in die Stadt Rain eingegliedert. Der Schulsprengel hatte kurz vorher das Ergebnis der Gemeindereform im Rainer Raum vorgezeichnet. In den letzten Jahren des Gemeindebestehens wurden die zwei baufälligen Gemeindehäuser (Hirten- und Armenhaus) auf Abbruch versteigert (1965), der Friedhof erweitert und das Leichenhaus gebaut (1967), der Landkreisreform seitens des Gemeinderates zugestimmt (4. September 1971), die Straßenbeleuchtung eingerichtet (1973) und die Entwäserungsgenossenschaft Ettinger Moos aufgelöst (1974). Sechs Stempel sind aus den letzten 130 Jahren des Gemeindebestehens überliefert, folgende Aufschriften und Wappen wurden geführt:

 

1.Verwaltung der Ruralgemeinde Etting, Rautenwappen (1846/47)

2.Verwaltung der Landgemeinde Etting, ohne Wappen (1860-1883)

3.Umschrift "Königreich Bayern", innen "Gemeinde Etting", unten das bayerische Rautenwappen mit Verzierung (1884-1927)

4.Bayern-Gemeinde Etting, eingemittet das Rautenwappen (1927-1935, 1945-1952)

5.Gemeinde Etting, unten das Hakenkreuz als Wappen (1935-1944)

6.Bayern – Gemeinde Etting, eingemittet das kleine Staatswappen (in der Form der heutigen Siegel, also Wappen seitlich gerade, August 1952-1974).

 

Der Anschluss an die Stadt Rain war in Etting unumstritten. Am 17. März 1974 stellte die Gemeinde den förmlichen Antrag auf Eingliederung, am 5. Oktober 1974 wurde der Eingemeindungsvertrag unterschrieben. Der Gemeinderat war deshalb laut einstimmigem Beschluss vom 17. Juni 1973 "entschieden der Auffassung, dass nur eine Angliederung an die Stadt Rain angestrebt und erfolgen soll. Die Stadt Rain ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Lechgebiets, sie ist imstande, alle anstehenden Aufgaben zu erfüllen. Ein Zusammenschluss mit einer anderen Gemeinde wie z. B. Bayerdilling, die dann in eine Verwaltungsgemeinschaft mit dem sicheren Sitz Rain eintreten soll, halten wir einfach nicht sinnvoll. Wenn schon die Stadt Rain Sitz der Verwaltung ist, dann halten wir eine unmittelbare Eingliederung nach Rain für am besten, der Gemeinderat Etting lehnt daher jede andere Lösung ab."

 

Am 17. November 1956 war im Gemeinderat erstmals von einer zentralen Wasserversorgung die Rede, im März 1974 wurde noch beschlossen, die Anlage 1975 zu errichten und gleichzeitig fest gehalten, dass die Abwasserbeseitigung anschließend – wenn die Finanzierung gesichert ist – in Angriff genommen wird. Die Wasserversorgung errichtete die Stadt 1979/80 im Rahmen ihres Projektes für alle Stadtteile. Im Jubiläumsjahr der Feuerwehr (= 1994) beginnt die Stadt mit ihrem Abwasserprojekt "Stadtteile" (Anschluss von Unter- und Oberpeiching sowie Mittelstetten). Für Etting steht der Kanalbau mit Anschluss an die Rainer Kläranlage wohl nach der Jahrtausendwende an. Als weitere Maßnahme ist zwischenzeitlich die Kreisstraße nach Gempfing ausgebaut worden, modernste Maschinen übernahmen die Erdbewegungen.

 

Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Die Mobilität fordert seinen Tribut von der Dorfgemeinschaft: zahllose Einwohner gehen nach auswärts zur Arbeit, immer mehr Hofstätten werden aufgegeben, eine Krämerei gibt es nicht mehr. Trotzdem haben sich junge Ettinger entschlossen, im Heimatort zu bleiben – so viele, dass zwischenzeitlich eine kleine Siedlung am Brunnenhof-/Wiesfleckenweg entstanden ist. Im Jubiläumsjahr der Feuerwehr hat sich der Stadtrat entschlossen, durch eine Ortsabrundungssatzung dieses Gelände um sechs Bauplätze (davon drei im kommunalen Eigentum und dem nächst baureif) zu erweitern. Auslöser war die starke Nachfrage nach Bauplätzen. Trotz Eingemeindung und dem Zug der Zeit ist der Gemeinschaftsgeist geblieben. Die Freiwillige Feuerwehr, der Schützenverein mit seinem zur Dorfwirtschaft ausgebauten Heim, die Jagdgenossenschaft mit ihren Gemeinschaftsmaschinen und die Pfarrgemeinde mit ihrer liebevollen Sorge um ihre Kirchen geben ein gutes Zeugnis davon.

 

Quelle: Adalbert Riehl in "100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Etting", 1994.

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